Leseprobe: Edersee-Krimi Teil 1


Fotos: Privat
Stell dir vor, du kommst in eine gemütliche Buchhandlung. Es duftet nach Papier und frischem Kaffee. Eine Verkäuferin mit randloser Brille und leicht zerzaustem Dutt verschwindet fast hinter den Bücherstapeln, die sich an der Kasse auftürmen. Sonst ist niemand da. Zumindest scheint es so.
Neugierig schlenderst du von einem Büchertisch zum nächsten. Die uralten Holzdielen knarzen bei jedem Schritt, als würden sie deine Anwesenheit kommentieren.
Plötzlich bleibt dein Blick an einem Titel hängen: „Düstere Träume“. Der Name weckt Erinnerungen an E.T.A. Hoffmann, der dich schon früher fasziniert hat. Zögernd nimmst du das schmale Buch in die Hände und schlägst es auf.
Umgeben von der Stille der Buchhandlung, versinkst du in die Lektüre:
Edvard wischte sorgfältig die Finger an der Serviette ab und betrachtete das Buch. „Der Sandmann – E.T.A. Hoffmann“ stand in goldenen Lettern darauf. Darunter ein Paar Augen, zu Schlitzen verengt, den Leser tückisch anstarrend.
Nachdem er die erste Seite überflogen hatte, las Edvard mit leicht gespielter Betonung vor: „Dunkle Ahnungen eines grässlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.“ Der alte Mann stellte sein Bier ab und schaute Willi mit einem sarkastischen Grinsen an. „Na, wenn das kein schlechtes Omen für deine Rente ist!“, meinte er trocken.
Das Papier raschelt zwischen deinen Fingern. Neugierig liest du weiter …
Am Abend saßen sie zu dritt am Küchentisch und spielten Kniffel. Die Würfel klackerten über das Holz, die Deckenlampe warf leuchtende Muster auf die Kniffelblöcke. Edvard goss Tee mit Honig nach.
Gerade, als Jette sich zur Punktsiegerin erklären wollte, geschah es. Das Licht erlosch mit einem leisen Knistern. Plötzlich lag das Haus in tiefer Dunkelheit.
„Stromausfall“, rief Edvard überrascht. Er tastete sich zum Regal hinüber und zündete eine kleine Öllampe an. Das warme Licht flackerte und warf verzerrte Schatten auf die Wand. Für einen Moment saßen sie still da, als müssten sie erst lernen, dem Licht wieder zu trauen.
Irgendwo im Haus knackte eine Diele. Edvard zuckte zusammen, doch niemand sah es. Er dachte an das Büchlein, Willis böses Omen, und sagte mehr zu sich selbst: „Nun Kinder! – zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk‘ es schon!“
Als du aufschaust, hast du plötzlich das Gefühl, dass jemand direkt hinter dir steht.
Es ist, als sei ein geheimnisvoller Gast in dieser Buchhandlung, der jedes Mal verschwindet, sobald du dich umblickst …
Nach einer Weile vertiefst du dich, etwas unruhig, wieder in den Krimi:
Die Tür zum Kontrollraum fiel ins Schloss und ein leiser Nachhall vibrierte durchs leere Gebäude. Er hörte ein entferntes Gurgeln aus den Tiefen der Anlage.
Er zwang sich zur Ruhe und setzte sich ans Terminal. Er wollte sich den Vorgang noch einmal anschauen. Seine Finger klackerten über die Tastatur, als er die Logdaten aufrief – ein Programm, das wie ein Logbuch alle Abläufe automatisch erfasste. Tatsächlich: Um 4:18 Uhr – eine abrupte Unwucht. Zu schwach, um die Turbine automatisch abzuschalten, zu stark, um unentdeckt zu bleiben.
Einer bösen Vorahnung folgend, nahm er die Taschenlampe und lief hinunter in die Turbinenkammer. Die nassen Stufen glänzten im kalten Licht.
Er erreichte den Auslass, kniete sich hin und leuchtete hinab in die Tiefe. Einen Augenblick lang war nichts Ungewöhnliches zu sehen – Blätter, Äste, Dreck. Außerdem hatte sich schwarzer Plastikmüll im Rechen verfangen. Doch dann sah er es. Etwas klemmte zwischen den Gitterstäben.
Draußen wird es langsam dunkel. Doch ein paar Zeilen möchtest du noch lesen:
Edvard fühlte sich wie festgezaubert. Unwillkürlich muss er an den todbringenden Alchimisten von E.T.A. Hoffmann denken, den widerwärtigen Coppelius. Auch er war plötzlich aufgetaucht und hatte alles an sich gerissen. Es war ein hypnotisches Wirken, ein innerer Sog, dem sich niemand widersetzen konnte.
Coppelius versuchte, eine mechanische Frau herzustellen, die liebreizend und willfährig war, aber keine lebendigen Augen hatte. Diese Augen versuchte er sich zu verschaffen, indem er als Sandmann umging und sie neugierigen Kindern herausriss, die nicht brav zu Bette gingen.
Eine Textstelle kam Edvard in den Sinn, die genau zum Todesopfer passte: Der bösartige Alchimist erwischte den kleinen Nathanael, der ihn heimlich bei seinen Experimenten beobachtet hatte, und misshandelte ihn zur Strafe. So klang es bei E.T.A. Hoffmann:
„‚ …aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.‘ Und damit fasst er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. ‘s steht doch überall nicht recht! ‘s gut so wie es war! – … So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein – ich fühlte nichts mehr.“
Mit einem leisen Aufschrei fährst du plötzlich herum – jemand hat deinen Arm berührt!
Dunkle, glühende Augen starren dich an. Es ist ein Mann um die 40, klein gewachsen und mit wirren, kurzgeschnittenen Haaren. Sein Backenbart und die weiße Halsbinde geben ihm ein altertümliches Aussehen.
„Verzeihung, dürfte ich kurz vorbei?“ Seine Stimme klingt düster und musikalisch zugleich. Die Stirn ist leicht gerunzelt, trotzdem wirkt er höflich.
„Natürlich …“ antwortest du, noch atemlos vor Schreck.
Nur einen Moment später ist der Mann in einem versteckten Nebenraum verschwunden.
Als sich dein Herzschlag wieder etwas beruhigt hat, lässt du die letzten Buchseiten durch deine Finger gleiten:
Edvard blieb ruhig. Jetzt kam der Moment, in dem er Hoffmanns literarisches Meisterwerk auf den Prüfstand stellen musste. Tatsächlich sah Fred aus wie ein skurriles Fantom, und die Frau daneben konnte nur Olimpia sein, seine mechanische Geliebte. Mit Augen aus Stein und der Körpertemperatur einer Schlange.
Edvard atmete tief aus. Dann ging er auf die beiden zu und ließ sich ohne Vorwarnung auf den freien Sofaplatz neben ihr fallen. So knapp, dass ihre Knie sich fast berührten. Fred verzog das Gesicht.
„Hhm-hm!“ Von der Kasse her ertönt ein Räuspern. „Wir schließen gleich!“, ruft die Buchhändlerin mit gedämpfter Stimme zu dir hinüber.
Du nickst, legst das Buch weg. Auf dem Weg nach draußen kommst du am düsteren Hinterzimmer vorbei, in dem der Mann vorhin verschwunden ist. Die Tür steht einen Spalt offen.
Neugierig schaust du hinein – und zuckst zurück:
Eine grässliche Gestalt, groß und breitschultrig, dreht sich langsam zu dir um. Sein Gesicht ist erdgelb und unter den buschigen, grauen Augenbrauen funkeln Katzenaugen stechend hervor.
„Da bist du ja, kleine Bestie“, ruft Coppelius mit einer heiseren, schnarrenden Stimme. „Augen her, Augen her!“
Entsetzt taumelst du zurück, willst wegrennen. Doch der Mann, der vorhin hinter dir gestanden hat, lehnt plötzlich an der Tür und schaut dich mit einem süffisanten Lächeln an.
Im seinen Armen sitzt ein behäbiger schwarzer Kater, mit einem gelblichen Fleck auf dem Pelz. Der Mann streichelt das Tier, dabei klirrt das Halsband, auf dem ein Name prangt: „Kater Murr“.
„Äh … ich gehe wohl besser!“ Nervös lächelnd versuchst du, an ihm vorbei und zurück in den rettenden Buchladen zu gelangen.
Doch nun hebt Kater Murr seine Pfote und streckt dir den Krimi entgegen, in dem du vorhin geblättert hast. Du traust deinen Ohren nicht, als der Kater mit vornehmer Stimme spricht:
„Hier, bitte sehr – vergessen Sie Ihr Buch nicht!“

Düstere Träume (Teil 1)
Ein literarischer Landkrimi
Der Edersee – idyllisch und scheinbar vertraut. Doch als in einem alten Kraftwerk menschliche Überreste entdeckt werden, ist es mit der Ruhe vorbei.
Unfall oder Mord? Edvard, ein Lehrer aus Hemfurth, wird in den Fall hineingezogen. Er stößt auf eine verstörende Affäre und begegnet einem Fremden, der dem Hauptverdächtigen unheimlich ähnlich sieht – wie ein Schatten aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ …
Alle Zitate sind der folgenden Ausgabe entnommen:
E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann. In: Nachtgeschichten. Wiesbaden, 2013.
„Dunkle Ahnungen …“, S. 7.
„Nun Kinder! – zu Bette! …“, S. 8.
„… fühlte sich wie festgezaubert“, S. 11.
„… aber nun wollen wir (…) den Mechanismus …“, S. 12.
„Augen her, Augen her!“, ebenda.
